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„Lieber Freund!“

Ausstellung über Arnold Schönberg und seiner Tätigkeit für die k.u.k. Wehrmacht, das Kriegspressequartier des k.u.k. Kriegsministeriums und des Ministeriums des k.u.k. Hauses und des Äußern vom 6. September 1917 bis 2. Dezember 1918.

Eine bislang unbekannter, unerforschter Lebensabschnitt des Komponisten Arnold Schönberg (1874-1951) sind die Jahre 1917 und 1918 im Großen Krieg. In verschiedenen Curricilae Vitae über Arnold Schönberg ist davon die Rede, dass er 1917 in die Armee wiedereinberufen worden ist und endgültig vom Militärdienst enthoben worden ist wegen körperlicher Untauglichkeit. Für das Jahr 1918 wird der Unterricht an der Schwarzwald-Schule und die Gründung des Vereins für musikalische Privataufführungen.

Neu entdeckte Dokumente in Archiven zeugen ein gänzlich anderes Bild. Arnold Schönberg war ab 17. September 1917 im Dienst der Propaganda für das Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern tätig war. Schönberg ist in der k.u.k. Wehrmacht für das Kriegspressequartier des k.u.k. Kriegsministeriums tätig. Da aber für Propagandazwecke im Ausland nicht das k.u.k. Kriegspressequartier verantwortlich ist sondern, das literarische Bureau des Ministeriums des k.u.k. Hauses und des Äußern sowie die k.u.k. Militärattaches und k.u.k. Gesandtschaften des jeweiligen Landes zuständig sind. Daher stellt Arnold Schönberg am 5.November 1917 an das Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern den Antrag auf Enthebung vom Militärdienst auf unbestimmte Zeit. Schönbergs Kommandierung zur Isonzo-Armee wird hiermit annulliert. Anstelle des Militärdienstes an der Front wird nun der Kriegsfreiwillige mit Einj.-Freiw.-Abzeichen Arnold Schönberg ab dem 10.November 1917 für Propagandazwecke in der Schweiz dem Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern zum Dienst zugeteilt. Schönberg erhält diese Information im Wege des Herrn Dr. Hermann Schwarzwald, dem Vizedirektor des k.k. öst. Handelsmuseums und Ehemanns von Eugenie Schwarzwald, die als Geheimpropagandistin für die Schweiz dem Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern zur Verfügung steht.

Diese Dienstzuweisung hatte einen besonderen Grund. Die Habsburgische Vielfachmonarchie wollte sich auch in der Kriegspropaganda ein modernes aufgeschlossenes Bild geben. Und Arnold Schönberg ist für solche Zwecke ein besonderes Symbol, besonders dann, wenn die Uraufführung seiner „Gurrelieder" und das von ihm dirigierte „Skandalkonzert" 1913 in Korrespondenz gesehen werden. Viktor Ullmann hatte beiden Konzerten als Zuhörer beigewohnt.

Der Architekt Adolf Loos hatte im September 1917 in der k.u.k. Gesandtschaft in Bern zur Sprache gebracht, ob es nicht im vaterländischen Interesse stünde, das große Musikwerk Schönbergs, die „Gurrelieder", in der Schweiz zur Aufführung zu bringen.

Planung der Aufführungen der „Gurrelieder“ in der Schweiz (links) – Anforderung des Bruders des Komponisten und Sängers, Heinrich Schönberg, für die Aufführungen in der Schweiz (Mitte) – Honorarvorschusszahlung an Arnold Schönberg (rechts).

Planung der Aufführungen der „Gurrelieder" in der Schweiz (links) – Anforderung des Bruders des Komponisten und Sängers, Heinrich Schönberg, für die Aufführungen in der Schweiz (Mitte) – Honorarvorschusszahlung an Arnold Schönberg (rechts).

Ab Oktober 1917 setzt das literarische Bureau des Ministeriums des k.u.k. Hauses und des Äußern alles daran, die „Gurrelieder" unter Leitung des Komponisten in Bern, Basel und Zürich mit hiesigem Orchester und Chor und Wiener Solisten zur Aufführung zu bringen. Es werden keine Kosten und Mühen gescheut. Beim Musikverlag Arnold Schönbergs, der Universal-Edition, wird vom Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern dafür sogar ein eigenes Konto eingerichtet.

Der Minister, Ottokar Czernin persönlich zeichnet die Honorare der Gesangssolisten ab. Für die Bass-Partie des Bauern in den „Gurreliedern" ist der jüngere Bruder des Komponisten, Heinrich Schönberg (1882-1941), vorgesehen. Auf persönliche Weisung des Ministers – der Nachfolger von Czernin ist Stephan Burián – wird am 15. Juni 1918 die Beurlaubung des Feldwebels des I.R.Nr.72, Heinrich Schönberg für die Aufführungen in der Schweiz genehmigt. Heinrich Schönberg soll für die Zeit vom 16. August bis zum 1. Dezember 1918 vom Dienst in Skutari beurlaubt werden. Am 19. August 1918 verweigert jedoch das Armee-Oberkommando die Beurlaubung Heinrich Schönbergs für die Schweizer Aufführungen, so dass zu diesem Zeitpunkt die Partien der Waldtaube (Mezzosopran oder Alt) und des Bauern (Bass) noch nicht besetzt sind.

Die Aufführungen der „Gurrelieder" sind in der Schweiz für den Herbst 1918 vorgesehen. Am 7.Oktober 1918 werden über das für die „Gurrelieder"-Aufführungen vom Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern bei der Universal-Edition eingerichtete Konto erste Vorschüsse ausbezahlt.

Das Ende des Großen Krieges und die damit verbundene Auflösung der Habsburgischen Administration und deren Vielfachmonarchie – am 31. Oktober 1918 hatte Ungarn dem Erzhaus Habsburg die cis- und transleithanische Realunion aufgekündigt – mit den Verzichtserklärungen vom 11. November 1918 des Kaisers Karl I. und vom 13. November 1918 des Königs Karl IV. auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften bedeutet aber auch das Ende des großen künstlerischen Projektes des Ministeriums des k.u.k. Hauses und des Äußern, die „Gurrelieder" in der Schweiz unter der musikalischen Leitung des Komponisten zur Aufführung zu bringen. Daher gibt der Nachlassverwalter des Ministeriums des k.u.k. Hauses und des Äußern, Friedrich Wiesner, am 2. Dezember 1918 auch an Arnold Schönberg eine Zahlung eines Vorschusses in der Höhe von 3000 Kronen frei, „diese Summe wird bei der Aufführung der Gurre-Lieder in der Schweiz unter Herrn Schönberg von seinem mit 8000 Kronen seinerzeit vereinbarten Honorar in Abzug gebracht."

Bericht von David Josef Bach über den Stand der Vorbereitungen der Aufführungen der „Gurrelieder“ unter der Leitung des Komponisten in der Schweiz.

Bericht von David Josef Bach über den Stand der Vorbereitungen der Aufführungen der „Gurrelieder" unter der Leitung des Komponisten in der Schweiz.

Die Aufführungen werden nie stattfinden. Schönberg dirigiert die „Gurrelieder" 1920 in Amsterdam. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat er den Rest des Honorars erhalten. Ein spannender und interessanter und bislang unbekannter Abschnitt der Musikgeschichte, der in seiner Komplexität durchaus Züge des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil annimmt. Zur Erinnerung: ein Erzählstrang in Robert Musils Roman widmet sich der so genannten „Parallelaktion", das ist die Einrichtung einer Kommission zur Organisation des bevorstehenden 70jährigen Thronjubiläums des Vielfachmonarchen aus dem Erzhause Habsburg, Franz Joseph I. Durch den Tod der Apostolischen Majestät wird zwar die Tätigkeit der Kommission obsolet, sie existiert aber trotzdem weiter.

 

Dieses Ausstellungsprojekt wird in Verbindung mit dem Konzertprojekt der „Schönberg-Variationen" von Viktor Ullmann gezeigt.