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Telegramm

Die Abbildung der Wirklichkeit in den erhaltenen historischen Dokumenten.

An den Balkankriegen 1912 und 1913 ist Österreich-Ungarn nicht beteiligt und nur diplomatischer Zaungast. Die k.u.k. Monarchie versucht mit allen Mitteln, am Balkan in den Krieg involviert zu werden. Im ersten Balkankrieg 1912 führen diplomatische Scharmützel fast zum Kriegszustand zwischen Belgrad beziehungsweise Wien und Budapest und somit in weiterer Folge mit Russland, das die Schutzmacht der kleinen slawischen Staaten am Balkan ist. Der österreichisch-ungarische Konsul Oskar Prochaska ist während des ersten Balkankrieges in der Stadt Prizren. Bei der Einnahme der Stadt durch die Serben leisten der Konsul und seine Diener Widerstand. Serbien protestiert im Wiener Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußern. Wien will den Fall selbst vor Ort untersuchen, dagegen protestiert Serbien. Es wird schon erwogen, Serbien ein Ultimatum zu stellen und in einen Krieg einzutreten. Mit Prochaska können die Wiener Diplomaten keinen Kontakt herstellen, bis schließlich Redakteure der „Neuen Freien Presse" sich auf telegraphischen Weg nach Prochaska erkundigen. Prochaska meldet sich tatsächlich, er ist wohlauf, im Zusammenhang mit militärischen Operationen ist die telegraphische Verbindung unterbrochen gewesen. So gesehen ist das Projekt „Weltkrieg" spätestens schon 1912 geplant gewesen als Präventivkrieg des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorf, der am Papier gegen alle europäischen Mächte respektive Feinde präventiv Kriege geplant hat.

Doch nun zum „Lombardei-Projekt" der Habsburgischen Vielfachmonarchie. Der Thronfolger Franz Ferdinand arbeitet am Konzept zur Vorherrschaft von Österreich-Ungarn am Balkan. Einer seiner Berater in außenpolitischen Angelegenheiten ist der Völkerrechtler und Mitglied des Herrenhauses Heinrich Lammasch (Vertreter Österreich-Ungarns bei den Haager Friedenskonferenzen). Im November 1912 verfasst Lammasch für Franz Ferdinand ein Memorandum zur Haltung im Balkankriege: „Der Krieg mit Serbien würde die slawische Bevölkerung, in der die beste Stütze der ungarischen Politik E. k.u.k. Hoheit gelegen ist, insbesondere die südslawische zum Feinde der Monarchie machen ... Annexion Serbiens ... Dadurch würde die südslawische Bevölkerung, die durch den Krieg zum Feinde Österreichs geworden wäre, um ein paar Millionen verstärkt. Freilich wäre ‚Piemont' vernichtet. Aber ist Serbien‚ das ‚Piemont' am Balkan? Ist das nicht vielmehr Bulgarien? Und Bulgarien ist uns ganz ungefährlich. Und durch die Vernichtung Serbiens würden wir nur eine neue Lombardei gewinnen. Wir würden dort um ungezählte Millionen ein neues Festungsviereck erbauen. Unser Militär und unsere Beamten würden dort verhasst sein und angefeindet werden. Nach ein oder zwei Menschenaltern würden wir in einem neuen Kriege mit den mittlerweile erstarkten Balkanstaaten diese Lombardei verlieren und mit ihr vielleicht auch Bosnien."

So wie der Kaiser Franz Joseph Namenstag und 60jähriges Thronjubiläum als symbolträchtige Daten für die Annexion Bosniens und der Herzegowina gewählt hat, so sucht sich auch der Thronfolger mit dem serbischen Nationaltrauertag am 28. Juni 1914 für seinen offiziellen Besuch in Sarajevo anlässlich der Manöver der k.u.k. Armee einen symbolträchtigen Tag aus: am 28.Juni 1389 sind serbische Truppen auf dem Amselfeld (Kosovo) von der Osmanischen Armee vernichtend geschlagen worden. Die Annexion am Namenstag bzw. zum 60. Regierungsjubiläum oder der offizielle Besuch am nationalen Trauertrag der Serben können als Provokation aufgefasst werden. Die österreichisch-ungarischen Staatsbürger Gavrilo Princip, Cabrinovic und Genossen benutzen diese Symbolik und vollziehen am 28. Juni 1914 ihren Plan. Schon am Vormittag des Trauertages bringen sie eine Bombe zur Explosion. Franz Ferdinand mit Gemahlin und seine Begleitung dürften davon nicht sehr beeindruckt gewesen sein, denn der Besuch wird nachmittags programmgemäß fortgesetzt. Es ist zwar eine kleine Änderung der Fahrt durch Sarajevo vorgesehen, dies wird den Fahrern des Convois jedoch nicht mitgeteilt.

Als der Wagen mit Thronfolger und Gemahlin die ursprüngliche Strecke befährt, muss der Fahrer reversieren, um den neuen Weg einzuschlagen. Nur wenige Meter entfernt steht Gavrilo Princip, zieht seine Pistole und feuert auf Thronfolger und Gemahlin. An den Folgen des Schussattentats sterben beide. Die mediale Propaganda des Min. d. k.u.k. Hauses und d. Äußern spricht sofort von einem durch Serbien geplanten und von Serben durchgeführten Attentat. Die Kriegsfraktion Österreich-Ungarns hat den Anlass zum Krieg gefunden und das „Lombardei-Projekt" kann kriegerisch finalisiert werden.

Für Franz Joseph ist das Attentat auf seine Frau in Genf (die Stadt liegt ja auch in der Schweiz und nicht am Balkan !) kein Anlass zu kriegerischen Handlungen gewesen. Es hat auch in Sarajevo und Agram zwischen 1910 und 1914 mehrere Attentate gegen königliche Kommissäre und den Landeschef von Bosnien gegeben, Regierung, Armee und Geheimdienste haben die Situation in den beiden ehemaligen osmanischen Provinzen nicht als ernst genug eingeschätzt (30). Am 1. Juli 1914 setzt im Ministerium des k.u.k. Hauses und des Äußeren die aktive Kriegsplanung ein. Der Kabinettchef des Ministers führt mit dem deutschen Publizisten Dr. Victor Naumann eine streng geheime Unterredung. In den Aufzeichnungen von Graf Hoyos ist zu folgendes zu lesen: Dr. Naumann glaubt, „dass man im Auswärtigen Amt in Berlin der Idee eines Präventivkrieges gegen Russland nicht mehr so ganz ablehnend gegenüberstehe wie vor einem Jahre. Seiner Ansicht nach sei es nach der Bluttat von Sarajevo für die Monarchie eine Existenzfrage dass sie dieses Verbrechen nicht ungesühnt lasse sondern Serbien vernichte. Ein solches Vorgehen würde für Deutschland der Prüfstein sein ob Deutschland den Krieg wolle oder nicht. Für den Anschluss Bulgariens und der Türkei an den Dreibund sei man gesonnen und werde auch den Bulgaren Geld geben. Auch Griechenland hoffe man zur Neutralität zu zwingen. Wenn es doch zu einem europäischen Kriege komme so ist der Dreibund jetzt stark genug. Dr. Naumann glaubt dass Kaiser Wilhelm, wenn man im jetzigen Augenblick, wo er über die Bluttat von Sarajevo entsetzt ist in richtiger Weise mit ihm spricht uns jede Zusicherung geben und diesmal auch sein ja zum Kriege durchhalten wird, weil er die Gefahren für das unmenschliche Prinzip einsieht. Im Ausw. Amt werde man aber dieser Stimmung nicht entgegen treten weil man den Augenblick für günstig halte um die ganze Entscheidung herbeizuführen. Oesterreich Ungarn sei als Monarchie und Grossmacht verloren wenn es diesen Moment nicht benütze. Ich erwiederte Dr. Naumann dass ich auch meinerseits eine Lösung der serbischen Frage für unbedingt notwendig halte und dass es jedenfalls für uns von ganzen Nutzen wäre die Gewissheit darüber zu erhalten dass wir gegebenenfalls auf die Rückendeckung Deutschland rechnen könnte. Man glaube die Sicherheit zu haben dass England in einen europäischen Krieg nicht eingreifen werde." Sowohl Dr. Naumann als auch Graf Hoyos verfügen im Deutschen Reich über eigene Netzwerke. Der österreichisch-ungarische Karrierediplomat hat sich während seines Dienstes an der k.u.k. Botschaft ein Netzwerk an Kontakten aufgebaut, das ihn für die österreichisch-ungarische Gesandtschaft in Berlin unentbehrlich macht. Am 1. Juli 1914 macht der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza an Seine Apostolische Majestät einen schriftlichen Vortrag. Darin schreibt Tisza: „Bei der jetzigen Balkanlage wäre es mein geringster Kummer, einen passenden casus belli zu finden. Ist einmal der Zeitpunkt zum Losschlagen gekommen, so kann man aus den verschiedenen Fragen einen Kriegsfall aufrollen. Vorerst muß jedoch eine diplomatische Konstellation geschaffen werden, welche das Kräfteverhältnis weniger ungünstig für uns gestaltet."

Franz Joseph ist von Anfang an in die geplanten Vorgänge miteinbezogen. Graf Hoyos reist mit einem Allerhöchsten Handschreiben plus Memorandum von Kaiser und König Franz Joseph I. für Kaiser Wilhelm II. nach Berlin. Am 5. Juli 1914 wird in Berlin die Rückendeckung des Deutschen Reiches für Österreich-Ungarn durch den deutschen Kaiser mit dem deutschen Kanzler besprochen.

Schon am 23.März 1914 hatte der Hohenzollern-Monarch Wilhelm II. dem Monarchen des Erzhauses Habsburg, Franz Joseph, anlässlich seines Besuches in Wien die Zusage der vollen Rückendeckung für die Politik der Habsburgischen Vielfachmonarchie am Balkan gegeben.

Dazu hatte der Minister des k.u.k. Hauses und des Äußern, Berchtold, in seinen Memoiren für diesen Tag folgendes vermerkt: „Das heikle Theater in der Luft liegenden Eventualität einer Vereinigung Serbiens mit Montenegro erörternd, verdolmetschte S.M. unseren Standpunkt dahin, wir müssten gegebenen Falles, ohne gegen die Union als solche Protest zu erheben, zur Wahrung unserer Interessen in der Adria verlangen, dass der montenegrin. Küstenstreif nicht Serbien zufalle, sondern an Albanien abgetreten werde, was in dem einstmaligen Zugehör dieses Gebietes zum Ottoman. Reiche & in der alban. Nationalität der Bevölkerung seine Begründung fände .., K.Wilhelm schien mit einer solchen Lösung einverstanden, bezweifelt übrigens die Aktualität dieser Frage unter Hinweis auf die gegenwärtig in Serbien herrschende Geld- & Ruhebedürftigkeit. Für die von mir betonte, wünschenswerte Solidarität Deutschlands & Öst.Ung's in Bezug auf die in den ausw. Relationen zu befolgende Politik tritt K.Wilhelm mit vollem Verständnis & dem ganzen Feuer seines Temperamentes ein & bedauert nur, wenn in dieser Hinsicht Missdeutungen in Erscheinung treten konnten, die aber nunmehr der Vergangenheit angehören."

Aufbauend auf dieser im März 1914 in Wien bereits gegeben Rückendeckung wird nun diese Zusage des deutschen Kaisers durch den deutschen Kanzler rückbestätigt.

Das Deutsche Reich hat ähnlich wie Österreich-Ungarn durch seine Spitzenmilitärs präventive Angriffspläne gegen die Triple-Entente entworfen. Kernstück dieser Pläne ist die Eroberung von Paris, der Sieg über Frankreich mit Hilfe des Schlieffenplans, der vorsieht, dass die französischen Linien durch den Vormarsch deutscher Truppen durch die neutralen Länder Luxemburg und Belgien umgangen werden und dann in einer Zangenbewegung die Truppen Frankreichs vernichtet werden. Dieser deutsche Plan ist für die Entente ein Angriffskrieg, der gegenseitige Unterstützung erfordert. Dazu garantiert das englische Königreich seit 1839 die Unversehrtheit des Königreiches Belgien, das sich 1830 aus dem Herrschaftsgebiet des Erzhauses Habsburg durch eine Revolution gelöst hat. Für die Vorbereitung des Feldzuges der k.u.k. Wehrmacht gegen Serbien braucht das gemeinsame Heer laut Aussage des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorf ungefähr drei Wochen. In der Zwischenzeit laufen die politischen, diplomatischen und militärischen Vorbereitungen zum Krieg in Wien auf Hochtouren. Am 13. Juli teilt Sektionsrat von Wiesner von der Gesandtschaft in Belgrad mit:

„Material aus der Zeit vor Attentat bietet keine Anhaltspunkte für Förderung der Propaganda durch serbische Regierung. Dafür, daß diese Bewegung von Serbien aus, unter Duldung seitens serbischer Regierung, von Vereinen genährt wird, ist Material, wenn auch dürftig, doch hinreichend. Untersuchung über Attentat. Mitwissenschaft serbischer Regierung an der Leitung des Attentats oder dessen Vorbereitung und Beistellung der Waffen durch nichts erwiesen oder auch nur zu vermuten. Es bestehen vielmehr Anhaltspunkte, dies als ausgeschlossen anzusehen ... Ursprung Bomben aus serbischen Armeemagazin Kragujevac objektiv einwandfrei erwiesen, doch keine Anhaltspunkte, daß erst jetzt ad hoc Magazinen entnommen, da Bomben aus Vorräten Komitadschis vom Kriege stammen können."

Dieser Bericht Wiesner zeigt, dass die serbischen Behörden an der Aufklärung des Attentats tatsächlich großes Interesse zeigen.

Für die weitere Vorgangsweise in Richtung Krieg sind hier für das Ministerium des kaiserlich-königlichen Hauses und des Äußern nur jene spärlichen Informationen relevant, die eine direkte Beteiligung des serbischen Staates am Attentat konstruieren lassen. Daher erfolgt am 23. Juli 1914 um 6 Uhr nachmittags in Belgrad die Überreichung der Note. Die Frist zur Beantwortung dieser Note beträgt ultimativ 48 Stunden. „ ... Baron Giesl ist beauftragt, das Ergebnis der 48stündigen Frist sofort nach deren Ablaufen, also morgen Samstag nach 6 Uhr abends, in claris von Semlin an die Kabinett- und Militärkanzlei Seiner k.u.k. Apostolischen Majestät in Ischl sowohl in claris von Semlin wie in Ziffern von Belgrad aus an Euer ./. und anher in kurzen Worten zu melden. Weiters ist Baron Giesl angewiesen, zu seiner eventuellen Abreise den Zug zu benützen, der um 6 Uhr 30 Minuten von Belgrad abgeht und um 6 Uhr 40 Minuten in Semlin eintrifft".

 

Baron Giesl wird vom Ministerium des k.u.k. Hauses immer dann als Diplomat eingesetzt, wenn eine kriegerische Auseinandersetzung ermöglicht werden soll. So war Giesl auch Geschäftsträger der Botschaft der Habsburgischen Vielfachmonarchie in Montenegro, als 1913 ein Krieg am Balkan mit Beteiligung der Habsburg-Administration durch eine Initiative der europäischen Mächte verhindert werden konnte. Und in Belgrad ist Giesl erst seit dem 13,Juli 1914 tätig!

Nun läuft die Maschine auf allen Ebenen in Richtung Krieg. Am 25. Juli um 7 Uhr 45 Minuten abends telephoniert Baron Giesl aus Semlin nach Budapest: 2 Minuten vor 6 Uhr abends wird die Antwortnote überreicht; da sie in mehreren Punkten unbefriedigend, hat Baron Giesl die Beziehungen abgebrochen und ist abgereist (36). Das „Lombardei-Projekt" des Erzhauses Habsburg kann fortgesetzt werden, einem Krieg steht nun fast nichts mehr im Weg. Tags darauf ersucht der russische Geschäftsträger um eine Verlängerung des Ultimatums. Der 1. Sektionschef Freiherr von Macchio berichtet Graf Berchtold, seinem Minister des k.u.k. Hauses und einem der Architekten des Weges zum Krieg, über die Vorsprache des russischen Botschafters, daß er seine Ausführungen sofort zur Kenntnis Euer Exzellenz bringen würde, könne ihm aber schon jetzt sagen, daß keine Aussicht bestehe, daß unsererseits eine Verlängerung der angegebenen Frist gewährt würde. Am 30. Juli setzen der Zar Nikolaus und König Georg alles daran, den drohenden Weltkrieg zu verhindern und den Konflikt zu lokalisieren.

Der König von England schickt am 30. Juli (am 31. Juli in Kopie an die Apostolische Majestät in Wien) an den Prinzen Heinrich von Preussen ein Telegramm: „Vielen Dank für das Telegramm. Ich bin zutiefst zufrieden von Wilhelms ernsthaften Bemühungen zu hören, dass er und Nicky den Frieden bewahren wollen. In der Tat ist dies auch mein ernstester Wunsch, denn ein Europäischer Krieg würde ein irreparables Desaster bedeuten. Meine Regierung tut alles menschenmögliche, um Russland und Frankreich von weiterer militärischer Kriegsvorbereitung abzuhalten, falls sich Österreich mit der Besetzung Belgrads und des umliegenden serbischen Gebietes als Pfand für eine befriedigende Klärung seiner Forderungen einverstanden erkläre, in der Zwischenzeit stellen die anderen Länder ihre Kriegsvorbereitungen ein. Meiner teurer Wilhelm wird seinen großen Einfluß nutzen, um Österreich zu bewegen, seinen Vorschlag zu akzeptieren, was beweist, dass Deutschland und England zusammenarbeiten, um zu vermeiden, was eine internationale Katastrophe wäre. Wilhelm soll versichert sein, dass ich alles tue und auch weiterhin alles in meiner Macht stehende tun werde, um den Frieden in Europa zu bewahren. Georg."

Die Ernsthaftigkeit der Vermittlungsversuche zur Kriegsverhinderung unterstreicht eine Depesche von Kaiser Wilhelm II. an den Kaiser und König Franz Joseph I.: "Die persönliche Bitte des Kaisers von Rußland, einen Vermittlungsversuch zur Abwendung eines Weltenbrandes und zur Erhaltung des Weltfriedens zu unternehmen, habe ich nicht ablehnen zu können geglaubt und Deiner Regierung durch meinen Botschafter gestern und heute Vorschläge unterbreiten lassen. Sie gehen unter anderem dahin, daß Österreich nach Besetzung Belgrads oder anderer Plätze seine Bedingungen kundgäbe. Ich wäre Dir zu aufrichtigsten Dank verpflichtet, wenn Du mir Deine Entscheidung möglichst bald zugehen lassen könntest".

Am 31. Juli antwortet der Kaiser und König, Seine Apostolische Majestät von Österreich-Ungarn, Franz Joseph an Seine Majestät Kaiser Wilhelm: „Gleich nachdem Dein Botschafter meiner Regierung gestern den Vermittlungsvorschlag Sir Edward Greys übermittelt hatte, ist mir die offizielle Meldung meines Botschafters in St. Petersburg zugekommen, wonach der Kaiser von Russland die Mobilisierung aller Militärbezirke an meinen Grenzen angeordnet hat. Graf Szögyény meldet mir, Du hättest Kaiser Nikolaus in einzig treffender Weise schon gesagt, dass die russischen Rüstungen einzustellen seien, weil sonst die ganze Verantwortung für einen Weltkrieg auf seine Schultern falle. Im Bewusstsein meiner schweren Pflichten für die Zukunft meines Reiches habe ich die Mobilisierung meiner ganzen bewaffneten Macht angeordnet. Die im Zuge befindliche Aktion meiner Armee gegen Serbien kann durch die bedrohliche und herausfordernde Haltung Russlands keine Störung erfahren. 

TelegrammZensur

Die Lokalisierung des Krieges im Telegramm des britischen Königs Georg (links) – Zensur der Tageszeitungen in der Habsburgischen Vielfachmonarchie (rechts).

Eine neuerliche Rettung Serbiens durch Russlands Intervention müßte die ernsthaftesten Folgen für meine Länder nach sich ziehen und ich kann daher eine solche Intervention unmöglich zugeben. Ich bin mir der Tragweite meiner Entschlüsse bewusst und habe dieselben im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit gefaßt mit der Sicherheit, daß Deine Wehrmacht in unwandelbarer Bundestreue für mein Reich und für den Dreibund einstehen wird". Der Kaiser und König aus dem Erzhaus Habsburg besteht auf Krieg und der Durchsetzung seines „Lombardei-Projektes". Der russische Zar schlägt vor, daß der österreichisch-ungarisch-serbische Streitfall vor das Haager Schiedsgericht gebracht werde, obwohl Russland nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien nicht mehr in der Lage sei, mit Österreich-Ungarn direkt zu verhandeln und daher die Bitte ausspreche, England möge seine Vermittlung wieder aufnehmen.

Am 31. Juli informiert der Minister des k.u.k. Hauses und des Äußern, Graf Berchtold, seine Majestät, dass Deutschland in zwei Tagen mit der allgemeinen Mobilisierung beginnen wird. Am 1. August bedankt sich Franz Joseph bei Wilhelm: „Ich danke Dir, teuerer Freund, für Deine herzerfreuende Mitteilung und bin ich in dieser ernsten Stunde mit Dir vereint und bete zu Gott, dass er unseren verbündeten Armeen in ihrem Kampfe um die gerechte Sache den Sieg verleihe. Ich telegraphiere auch selbst an den König von Italien, um ihm zu sagen, daß wir nach dreißigjähriger Friedensarbeit darauf rechnen, daß die drei Verbündeten ihre Heere zu diesem Entscheidungskampfe vereinigen werden."

Italien fordert Kompensation, bevor es überhaupt daran denkt, sich an die Seite Österreich-Ungarns und Deutschlands als Bündnispartner zu stellen. Falls Italien neutral bleibe, wird von den deutschen und österreichisch-ungarischen Zentralmächten überlegt, es aus dem Dreibund auszuschließen. Am 2. August verletzt Deutschland die Neutralität Luxemburgs und stößt dann auf französischen Boden vor.

Mörser

Deutsche und österreichisch-ungarische Truppen verletzen im August 1914 die belgische Neutralität, Österreich-Ungarn sogar ohne Kriegserklärung. Zur Eroberung Belgiens braucht die deutsche Armee die 30,5 cm Motor-Mörser von Skoda der k.u.k. Wehrmacht, da schweres deutsches Kriegsgerät zur Zerstörung der belgischen Städte und Festungen nicht im ausreichenden Maß zur Verfügung steht. Auf diplomatischem Weg wird dieses Vorgehen durch Baron Giesl aus dem Diplomatischen Corps des Wiener Ministeriums des k.u.k. Hauses und Äußern unterstützt. Giesl ist Teil einer Art Taskforce, die immer dann auf den Plan tritt, wenn das Wiener Außenamt kriegerische Pläne umzusetzen sucht, sei es 1913 in Montenegro oder ab dem 13.Juli 1914 in Belgrad, um den Krieg mit Serbien zu erzwingen, oder ab August 1914 eben in Belgien!

30,5 cm Motor-Mörser von Skoda der k.u.k. Wehrmacht

Hl. Barbara Explosion eines Geschosses

Rotes Kreuz, Kriegshilfsbüro und Kriegsfürsorgeamt zeigen voller Stolz den 30,5 cm Motor-Mörser von Skoda der k.u.k. Wehrmacht, der auch beim völkerrechtswidrigen Einsatz in Belgien von der Schutzpatronin der Artillerie, der Heiligen Barbara, beschützt worden ist (links) – „Der Gärtner Tod" mäht nach der Explosion eines Geschosses des 30,5 cm Motor Mörsers der k.u.k. Wehrmacht (rechts). In: Karl Kobald (Hrsg.) „1914-1916 Kriegs Allmanach" Selbstverlag des Kriegshilfebüros des k.k. Ministerium des Innern zugunsten der offiziellen Kriegsfürsorge, Wien 1916 (Privatbesitz).

 

Deutsche und österreichisch-ungarische Truppen verletzen die Neutralität Belgiens, 30,5 cm Mörser der k.u.k. Wehrmacht beschießen belgische Städte und Festungen, noch bevor Österreich den Krieg an Belgien erklärt habe. Österreich-Ungarn beweist somit, dass es kein Interesse hat, dass der Konflikt mit Serbien lokalisiert bleibt. Mit der Verletzung der belgischen Neutralität beginnt endgültig der Große Krieg in Europa.

Der Kaiser und König aus dem Erzhaus Habsburg hat es etwas leichter mit der Erklärung von Kriegen als der Kaiser des Deutschen Reiches. In Österreich-Ungarn existiert zwar im ungarischen Teil der Doppelmonarchie ein gewählter Reichsrat mit Regierung, im cisleithanischen (österreichischen) Teil dieses Staatengebildes herrscht der Ausnahmezustand. Der Reichsrat ist vom Kaiser per Verfügung ausgesetzt, Franz Joseph und seine Administration regieren mit Erlässen und Verfügungen. Der Reichsrat braucht nicht gefragt zu werden, er existiert de facto nicht (noch ein Strukturdefizit im Reich des Erzhauses Habsburg: die unterentwickelten demokratischen Spielregeln, die zwar dem Naturrecht nach nicht vorhanden sein müssen, aber als Menschenrecht in einer modernen Staatsverwaltung unumgänglich sind), der Geist Metternichs spukt im 20. Jahrhundert immer noch in den Köpfen des Erzhauses Habsburg umher. Im Deutschen Reich funktioniert der Reichstag und Bundestag. Kaiser Wilhelm II. ist auf eine Mehrheit im Reichstag angewiesen, um seinen Krieg finanzieren zu können. Am 4. August 1914 hält Wilhelm II. im Deutschen Reichstag eine Rede: „An die Seite Österreich-Ungarns ruft uns nicht nur unsere Bündnispflicht. Uns fällt zugleich die gewaltige Aufgabe zu, mit der alten Kulturgemeinschaft der beiden Reiche unsere eigene Stellung gegen den Ansturm feindlicher Kräfte zu schirmen". Der Nationalismus in Europa funktioniert, die Internationale der Sozialisten nicht. Die deutschen Sozialdemokraten sind mehrheitlich für die Kriegsfinanzierung, nur Karl Liebknecht stimmt als einziger Abgeordneter den Kriegskrediten im Reichstag nicht zu.

Die Triple-Entente bestehend aus Frankreich, England und Russland funktioniert. Der Dreibund von Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich mutiert nach der Neutralität Italiens zu einem Zweibund. Das zentraleuropäische Bündnis wird aber verstärkt durch den Eintritt Bulgariens und des Osmanischen Reiches in den Krieg auf der Seite der Zentralmächte. Der Krieg stärkt die nationalen Interessen der Völker Europas, auch im Reich des Erzhauses Habsburg. Die k.u.k. Wehrmacht und die deutschen Truppen haben nun auch ihren Feldzug gegen Russland begonnen.

Protokoll des beginnenden Massenübergangs zu den russischen Truppen ab 18. August 1914

Die tschechoslowakische Schützenbrigade (ungefähr 40.000 Soldaten) – Protokoll des beginnenden Massenübergangs zu den russischen Truppen ab 18. August 1914.

 

Und es beginnt auch die Zeit des „Massenübergangs". Ab dem 18. August 1914 wechseln im Osten vor allem Soldaten tschechischer Nationalität die Front. Bis März 1915 hat die tschechoslowakische Schützenbrigade den Frontwechsel im russischen Angriff vollzogen, das sind in etwa 40.000 Soldaten. Am 22. März fällt die Festung Przemysl in russische Hände, fast 120.000 Mann ziehen in russische Kriegsgefangenschaft. Am 4. April 1915 wird diese Zersprengung deutlich: „IR 28 ist heute 120 Mann stark!" Die Tschechoslowaken haben sich beim ersten Kongress im Jänner und Feber 1915 in Paris zu einem selbständigen Staat erklärt.

Im inneren Zirkel des Ministeriums des k.u.k. Hauses und des Äußern kursiert ein Memoire des Botschaftsrates Graf Forgách, das dieser am 10. Jänner 1915 verfasst hat. Darin heißt es: „Der Schlag, den unsere Armee anfangs Dezember durch verfehlte Führung in Serbien erlitt und der uns zur vollständigen Räumung aller unter so schweren Opfern in langen, blutigen Kämpfen eroberten Gebiete und auch Belgrads zwang, bleibt politisch für die Monarchie von nachhaltiger, katastrophaler Wirkung und zwingt, in Verbindung mit der Gestaltung unserer Beziehungen zu noch neutralen Nachbarstaaten zu den ernstesten Erwägungen über die künftige Entwicklung und die noch möglichen Lösungen. Das Scheitern und Zurückschlagen unserer zwei Offensiven in Serbien wird auf die südslawische Frage und die historische Stellung Oesterreich-Ungarns zu derselben eine unauslöschliche, nicht mehr gut zu machende Nachwirkung haben, hätte aber durch ein baldiges erneuertes siegreiches Vordringen über die Save und Donau oder durch entscheidende Erfolge gegen Russland wenigstens für den Verlauf des Feldzuges und dessen Resultat paralysiert werden können. Leider waren jedoch die Verluste unserer Südarmee an Mann, Material und Offensivgeist so bedeutend, dass an eine Aktion vor Ende Jänner nicht gedacht werden konnte und wir zufrieden sein mussten, dass die serbische gleichfalls sehr geschwächte Armee die Drina und Save bisher nicht überschritt und voraussichtlich auch nicht überschreiten kann. Dagegen dürfte die serbische Armee durch Neuaufstellungen und durch Materialnachschübe aus Frankreich und Russland bis Ende Jänner auch retabliert sein und unseren eventuell einfallenden Armeen in der Defensive einen gewichtigen Widerstand entgegensetzen können. Nach den Erfahrungen der zwei letzten Offensiven kann man die Chancen unseres dritten, mit zweifelsohne geringeren Kräften als im August und Oktober einsetzenden Versuches umso weniger allzu zuversichtlich beurteilen, als bereits jetzt sehr kompetente begründete Anregungen laut werden, damit die Südarmee nicht mit voller Kraft gegen Serbien eingesetzt, sondern ein Teil derselben für eventuelle Komplikationen mit Rumänien bereitgehalten werde. Entscheidende Erfolge gegen Russland hätten die serbische Schlappe militärisch natürlich weit aufgewogen. Gerade als sich die unglücklichen Ereignisse in Serbien abspielten, hatte auch eine unter sehr verheißungsvollen Auspizien beginnende Offensivaktion der Verbündeten in Russisch-Polen und Westgalizien eingesetzt. Seitdem ist dieselbe leider in Russisch-Polen zum Stehen gekommen, in Galizien und den Karpathen sogar nach anfänglichen Erfolgen etwas zurückgedrängt worden ... Trotz der unerfreulichen Lage muß aber betont werden, dass der Krieg zweifellos unvermeidlich und dank unserer Truppen und der Begeisterung der Bevölkerung bis jetzt glorreich war. Die allgemeine europäische Konstellation erlaubt aber leider dessen siegreiche Beendigung nicht, daher muß an einen raschen, möglichst wenig ungünstigen Abschluß gedacht und geschritten werden." (46). Der Krieg ist also schon im Frühjahr 1915 so gut wie verloren sowohl in militärischer als auch politischer Sicht. Doch ein Mann hat eine Durchhalteparole ausgegeben. Es ist dies der Kaiser Franz Joseph höchst persönlich: „Wenn die Monarchie schon zugrunde gehen soll, dann soll sie wenigstens anständig zugrunde gehen."

1914 ist das Ziel, den Konflikt zwischen der Habsburgischen Vielfachmonarchie und dem serbischen Königreich sowohl politisch als auch militärisch zu lokalisieren, nicht erreicht worden. Die Wiener Administration wollte den Krieg und hatte durch die Morde von Sarajevo auch den Schlüssel zum Krieg aber auch zum Frieden in der Hand. Friede war nicht gewollt. Für den Vielfachmonarchen Franz Joseph ist das Attentat auf seine Frau in Genf (die Stadt liegt ja auch in der Schweiz und nicht am Balkan !) im Jahr 1898 kein Anlass zu kriegerischen Handlungen gewesen.

Das politische Programm des Krieges aus der Sicht der beiden Herrschaftshäuser der europäischen Zentralmächte lautet: Eroberung von Lebensraum im Osten Europas sowie Eroberung und Regentschaft vom Nordkap bis Bagdad mit Kolonisation Mesopotamiens. Immerhin ist ja Erdöl schon ein industriell, wirtschaftlicher Faktor geworden. Mit der Verletzung der belgischen Neutralität durch die k.u.k. Wehrmacht – Einmarsch von Truppen ohne Kriegserklärung – wird aus dem lokalen Konflikt am Balkan ein europäischer, der sich zwar auch auf die Kolonien der europäischen Mächte ausdehnt, der aber bis zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika weitgehend ein Krieg der europäischen Mächte – das Osmanische Reich miteingeschlossen – bleibt. 1917 wird der Große Krieg auch zum Weltkrieg. Das ganze zwanzigste Jahrhundert wird vom Großen Krieg – miteinbezogen auch die Ouvertüre der Balkankriege – und den Folgen dominiert werden.