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2017 – „Siege überall – Inszenierung von Kriegserfolgen im Großen Krieg“

Am 21.November 1916 übernahm Kaiser Karl I. und König Karl IV. als Thronfolger die Amtsgeschäfte vom verstorbenen Vielfachmonarchen Franz-Joseph I. Er führt den Großen Krieg weiter, initiiert keine entscheidenden politischen Reformen in Österreich-Ungarn und denkt zwischendurch sogar an ein bisschen Frieden im Eintausch mit Gebietsgewinnen. Im Protokoll des, zu Baden, am 12. Jänner 1917 abgehaltenen Ministerrates für gemeinsame Angelegenheiten, unter dem Allerhöchsten Vorsitze Seiner Majestät des Kaisers und Königs teilt Karl I. folgende Ansichten zum Thema „Unsere Kriegsziele in Verbindung mit der Friedensfrage" mit: „Seine Majestät geruhen hierauf die Frage der Kriegsziele zur Diskussion zu stellen. Allerhöchstderselbe gibt der Ansicht Ausdruck, daß es sich empfehlen wird, diesbezüglich ein Maximal- und ein Minimalprogramm aufzustellen. Das Maximalprogramm würde die Angliederung Kongresspolens, Montenegros und der Macwa beinhalten, ferner gewisse Rektifikationen der siebenbürgischen Grenze und schließlich in Serbien die Ersetzung der Dynastie Karageorgewich durch ein anderes Königshaus. Das Minimalprogramm hingegen würde sich auf die Forderung der vollen Integrität der Gebietes der Monarchie, auf die Erwerbung des Lovcen und auf den Wechsel der Dynastie in Serbien beschränken."

Dieses Friedensprogramm wird gestützt durch militärische Siege. Seine Apostolische Majestät feiert 1917 im Großen Krieg Siege in der Luft, zu Wasser und zu Lande. Linienschiffsleutnant Gottfried von Banfield, bekannt als der „Adler von Triest" erringt am 31. Mai 1917 mit einem für ihn eigens gebauten Jagdflugboot-Prototyp den ersten Sieg im Luftkrieg bei Nacht in der Luftkriegsgeschichte. Um 22:30 Uhr zwingt er ein italienisches Seeflugboot in der Nähe von Schloss Miramare zur Landung. Kaiser Karl I. ernennt mit Admiral Nikolaus v. Horthy einen neuen Flottenkommandanten, der am 15. Mai 1917 an der Südspitze des italienischen Stiefels in der Adria bei Otranto den größten Sieg der k.u.k. Flotte im Großen Krieg feiert. Als Antwort auf die italienischen Versuche, die Straße von Otranto unpassierbar zu machen, kommt es im Sommer 1917 zum größten Seegefecht zwischen der kaiserlich-königlichen Flotte und Kriegsschiffen Italiens, Frankreichs und Großbritanniens. Die österreichisch-ungarische Flotte verliert im Kampf gegen die stärkeren Feinde keine Schiffe, während die Entente zwei Zerstörer, 14 Dampfer und ein Seeflugzeug einbüßt.

Viktor Ullmanns 38cm Haubitze Batt. Nr.4 / Bat. Nr.5 in Coccau am 21.September 1917 vorm Übersetzen auf die Strasse für die Nachtfahrt über den Predilpass ins obere Isonzotal.

Viktor Ullmanns 38cm Haubitze Batt. Nr.4 / Bat. Nr.5 in Coccau am 21.September 1917 vorm Übersetzen auf die Strasse für die Nachtfahrt über den Predilpass ins obere Isonzotal.

 

Und Kaiser Karl I. feiert auch den letzten großen militärischen Sieg der k.u.k. Wehrmacht. Am 10. September teilt der Kaiser dem Armeeoberkommando mit, daß er diesem mit allerhöchster Genehmigung erlaube Folgendes zu beantragen: „Seine Majestät wird bei der Operation gegen Italien den Oberbefehl selbst führen". Mit Gottes Gnaden beginnt die k.u.k. Wehrmacht im oberen Isonzotal am 24.Oktober 1917 um 2.00 früh mit Assistenz deutscher Truppen einen Angriff mit Giftgas (Blaukreuz) gegen die italienischen Truppen bei Bovec. Die Kriegsplanung sieht vor, dass die Truppen des italienischen Königreichs an den Tagliamento zurückgeworfen werden sollen. Die italienische Armee und deren Führung werden vom Angriff der k.u.k. Truppen überrascht, obwohl Überläufer aus der österreichisch-ungarischen Armee den Italienern den geplanten Angriff verraten hatten. Italiens Armee wird bis an die Piave zurückgedrängt. Der Komponist Viktor Ullmann wird als Artilleriebeobachter Augenzeuge des Gasangriffes und schreibt an seine Freundin Anny Wottitz: „Vom Beobachtungsstand aus sahen wir auch am 24. Oktober um 2 h nachts das Gastrommelfeuer, das unsere Aktion einleitete, und beobachteten das Schießen der eigenen Batterie. Ich glaube, dieser Vorstoß war ein großer Schritt zum Frieden."

Für diese Friedensinitiativen wird der letzte Herrscher des Erzhauses Habsburg im Jahr 2004 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen, dessen Vater als Mitglied der polnischen Legion selbst im Ersten Weltkrieg an der Front in den Karnischen Alpen kämpfte. Auf der italienischen Frontseite in Timau / Tischlbong war Giuseppe Roncalli – der spätere Papst Johannes XXIII. – als Feldkaplan tätig.

Diese von Gottes Gnaden im Jahr 1917 geschenkten Siege der k.u.k. Marine und der k.u.k. Wehrmacht waren Teil der großen Siege der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie und des Deutschen Kaiserreiches. Einen anderen großen Sieg landete das Deutsche Kaiserreich auf der politischen Ebene. Im Februar 1917 war der russische Zar Nikolaus II. gestürzt worden und eine bürgerliche Regierung unter dem Ministerpräsidenten Kerenskij hatte die Regierungsgeschäfte übernommen. Russland war jedoch auf der Seite der Entente im Krieg geblieben. Die Versorgungslage in Russland war angespannt. So fasste die deutsche Heeresleitung den Plan, den Revolutionär und Bolschewiken Wladimir I. Uljanow genannt Lenin aus seinem Schweizer Exil nach Russland zu bringen. In einem versiegelten Zug fuhr Lenin von der Schweiz durch Deutschland und Schweden nach Finnland, das 1917 noch Teil des russischen Kaiserreiches war. In Tampere bezog Lenin Quartier und versprach den Finnen ihre Unabhängigkeit und dem russischen Volk das Ende des Krieges. Die Oktoberrevolution brachte Lenin 1917 an die Macht, arrangiert und finanziert vom Deutschen Kaiserreich. Ohne deutsche Unterstützung wäre die Machtergreifung Lenins in Russland unmöglich gewesen. Lenin beendete Russlands Teilnahme am Großen Krieg. Auch Rumänien, das seit 1916 an der Seite Russlands am Großen Krieg teilnahm, akzeptiert einen Waffenstillstand. Die Zentralmächte Österreich-Ungarn und Deutschland feierten 1917 sowohl an der militärischen als auch politischen Front ihre großen Siege, jedoch hatten die Vereinigten Staaten von Amerika 1917 zuerst dem Deutsche Reich und dann auch der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie den Krieg erklärt.

Diese von Gottes Gnaden großen Siege sind nahezu ein Wunder. In der Donaumonarchie herrscht der Mangel. Es gibt große Versorgungsschwierigkeiten. In der Bevölkerung der Doppelmonarchie herrscht eine allgemeine Unzufriedenheit und die hohen Preise erzeugen überall böses Blut. Dazu stellt der österreichische Kaiser am 29. Juni 1917 fest: „Es dürfen keine kleinlichen Bedenken obwalten. Wenn wir den Krieg gewinnen wollen, müssen beide Regierungen, müsse Industrie und Landwirtschaft zusammenarbeiten." Dazu kommen noch außerordentliche Finanzierungsprobleme, sodass am 6. September 1917 der königlich ungarische Ministerpräsident Dr. Wekerle eingestehen muß: „Oesterreich-Ungarn habe unter allen kriegführenden Großmächten die geringste Golddeckung; für Auslandszahlungen stehe dermalen nicht viel mehr, als der deutsche 100 Millionen Mark-Kredit zur Verfügung. Man werde, wenn keine Abhilfe geschaffen werde, schon in den nächsten Monaten dahin kommen, nicht die geringste Zahlung mehr an das Ausland leisten zu können."