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„Glanzgesang - Plakat - Petropolis"

von Ernst Wilhelm Lotz, Wladimir Majakowski und Ossip Mandelstam

URAUFFÜHRUNG - NEUINSZENIERUNG

Inszenierung: Herbert Gantschacher
Bühne + Kostüme: Sanzaba Dimna
Lichtgestaltung: Bidpai
Es spielen: Werner Mössler und Markus Rupert

 

In der Wirklichkeit waren Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914) und Ossip Mandelstam (1891-1938) im August 1914 auf zwei Seiten der vom Erzhaus Habsburg und der Dynastie der Hohenzollern in Szene gesetzten Wirklichkeit des Krieges.

Ernst Wilhelm Lotz kam als Kompagnieführer am 28. September 1914 bei Bouconville in Frankreich ums Leben. Ossip Mandelstam überlebte die Schrecken des Krieges, er schrieb während der russischen Revolution eine symbolistische Ode "Petropolis". Spätere literarische Texte brachten ihn dann in die russischen Straflager, die von der Zaren erfunden worden sind und von der Sowjetmacht und auch von der russischen politischen Führung der Gegenwart weitergeführt werden. Mandelstam verstarb am 27. Dezember in der Nähe von Wladiwostok. Zwischen die beiden Gedichte wird ein Propagandaplakat des russischen Dichters Wladimir Majakowski (1893-1930) umgesetzt als visuelles Theater geschoben. Majakowski hat die Revolution zunächst unterstützt mittels Lesungen oder Agitprop-Kunst in Form von Propagandaplakaten, die nicht vollendete Umsetzung kritisierte er später beispielsweise in seinem Theaterstück "Die Wanze". Majakowski beging am 14. April 1930 in Moskau Selbstmord.

Am 19. Juli 1914 ist im Brief (links) von Ernst Wilhelm Lotz an Robert Musil noch nichts vom bevorstehenden Krieg zu bemerken. Propagandaplakat von Wladimir Majakowski von 1917 (Mitte), Ossip Mandelstam (rechts) im Jahr 1914.

Am 19. Juli 1914 ist im Brief (links) von Ernst Wilhelm Lotz an Robert Musil noch nichts vom bevorstehenden Krieg zu bemerken. Propagandaplakat von Wladimir Majakowski von 1917 (Mitte), Ossip Mandelstam (rechts) im Jahr 1914.

 

OSSIP MANDELSTAM

Petropolis

Wir werden sterben im transparenten Petropolis
wo Proserpina herrscht über uns.
Mit jedem Atemzug trinken wir die Luft des Todes,
und jede Stunde ist ein Jahr des Todes für uns.
Göttin des Meeres, schreckliche Athene,
nimm ab den mächtigen Helm aus Stein.
Wir werden sterben im transparenten Petropolis
wo herrscht nicht du, sondern Proserpina.

 

ERNST WILHELM LOTZ

Glanzgesang

Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen,
Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier.
Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen,
Gehören nicht mehr mir.
Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten,
Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt.
Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten,
Und das Leben war wehend blond.
Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale,
Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht,
Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale,
Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.
So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen,
In große Kontore, die staubig rochen herein,
Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen
Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn.
Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen,
Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht,
Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen,
Die Häupter gläubig nach Osten gedreht.
Auf Ozeanen zogen die großen Fronten
Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt,
Und breiter Prärien glitzernde Horizonte
Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt.
Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen,
Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht,
Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen,
Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht!
Amerikas große Städte brausten im Grauen,
Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei
In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen,
Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. – –
So hab ich nachbarlich alle Zonen gesehen,
Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt,
Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen,
Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. – –
Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden!
Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus.
Und saß durch Tage und Nächte mit satten und glatten
Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.
Und einmal sank ich rückwärts in die Kisten,
Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. –
Da sah ich. Daß in vagen Finsternissen
Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.