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„Ich möchte morden morden morden ... Spuck ... Dulce et Decorum est"

von August Stramm, Paul Klee und Wilfred Owen

URAUFFÜHRUNG - NEUINSZENIERUNG

Inszenierung: Herbert Gantschacher
Bühne + Kostüme: Sanzaba Dimna
Lichtgestaltung: Bidpai
Es spielen: Werner Mössler und Markus Rupert

Der Hauptmann der Reserve August Stramm (1874-1915) zählt zu den Tätern und Opfern im Großen Krieg, der in der Schlacht bei Horodec am 1. September 1915 beim Angriff auf russische Stellungen beim Dnepr-Bug-Kanal ums Leben kam. Der Dichter August Stramm zählt zu den frühen Vertretern der Moderne in der Literatur, der den Schritt in die Reduktion macht, daraus ergeben sich in der Sprachbehandlung seiner Gedichte Vernachlässigung grammatischer und syntaktischer Sprachregeln, die nur ein Ziel hatten, nämlich die größtmöglichste Intensität im Ausdruck und das Herstellen der Unmittelbarkeit der Situationen, die oft ein reflektiertes sprachliches Tun der Wirklichkeit des Krieges sind.

Hauptmann August Stramm (links) und sein Krieggrab einen Tag nach dem Tod (rechts).

Hauptmann August Stramm (links) und sein Krieggrab einen Tag nach dem Tod (rechts).

Zwei dieser Gedichte sind hier angeführt, die in visueller und sprachlicher Interpretation dem Thema gemäß dargestellt werden:

Wache   Sturmangriff
     
Das Turmkreuz schrickt ein Stern   Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen
Der Gaul schnappt Rauch   Kreisch
Eisen klirrt verschlafen   Peitscht
Nebel streichen     Das Leben
Schauer   Vor
Starren Frösteln   Sich
Frösteln   Her
Streicheln   Den keuchen Tod
Raunen   Die Himmel fetzen
Du!   Blinde schlächtert wildum das Entsetzen.
     

Der Dichter August Stramm kam als deutscher Soldat an der Front gegen Russland 1915 zu Tode.

Das Schicksal von Wilfred Owen (1893-1918) ist jenem von August Stramm verwandt. Der Dichter Wilfred Owen kam als britischer Soldat am 4. November 1918 bei Ors in Frankreich an der Front gegen die Truppen des Deutschen Reiches und der k.u.k. Wehrmacht der Habsburgischen Vielfachmonarchie zu Tode.

Owen gilt als bedeutendster Zeitzeuge des Großen Krieges von 1914-1918 in der englischen Literatur, wie bei August Stramm wurden einige seiner bekanntesten Werke erst nach seinem Tod veröffentlicht. Der Komponist Benjamin Britten setzt Worte von Wilfred Owen an den Beginn seines Werkes "War Requiem", sie lauten: „Meine Sache ist der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Leid ... Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist, warnen."

Spuck von Paul Klee aus 1915 (links), Grab (Mitte) von Wilfred Owen (rechts)

"Spuck" von Paul Klee aus 1915 (links), Grab (Mitte) von Wilfred Owen (rechts).

In einem seiner heute berühmtesten Gedichte "Dulce et decorum est" schildert Owen die Folgen des Gaskrieges und die Lüge der Ehre im Feld zu fallen entlarvt:

"Doppelt gebeugt wie alte Bettler unter Säcken, / X-beinig, hustend wie alte Hexen, fluchten wir durch den Schlamm, / Bis wir den umherirrenden Leuchtkugeln den Rücken zudrehten / Und unserer weit entfernten Ruhe entgegenwankten. / Männer marschierten schlafend. Viele hatten ihre Stiefel verloren / Aber hinkten weiter blutbeschmiert die Sohlen. Lahmend alle, alle blind, / Trunken vor Übermüdung, taub selbst für das Heulen / Der verfehlten Granaten, die hinter uns einschlugen. // GAS! Gas! Schnell, Jungs! - ekstatisches Fummeln, / Um die unförmigen Helme rasch aufzusetzen. / Aber jemand schrie herum und stolperte / Und zappelte wie ein von Feuer oder Kalk Verbrannter. / Undeutlich wie durch eine beschlagene Scheibe und trüben grünen Licht / Wie in einem grünen Meer, sah ich ihn ertrinken. // In all meinen Träumen, vor meinen Augen hilflos, // stürzt er auf mich zu ausgeweidet, würgend, ertrinkend. // Wenn auch Du den erdrückenden Träumen nicht entkommst / Hinter uns in den Wagen warfen wir ihn, // Und sehen die Augen weiß verdreht in seinem Gesicht, / Sein hängendes Gesicht, wie eines Teufels satt der Sünde / Wenn du hören könntest, wie bei jedem Ruck das Blut / Gurgelnd aus den schaumgefüllten Lungen kommt, / Eklig wie Krebs, Bitter wie das Wiedergekäute / Von Übel, unheilbare Wunden auf unschuldigen Zungen,-- / Mein Freund, du würdest nicht erzählen mit großer Lust / Kindern, die verzweifelt auf Ruhm brennen, / Die alte Lüge: Dulce et decorum est / Pro patria mori."

In diesem Theaterprojekt werden nun die Poesien von August Stramm und Wilfred Owen zusammengeführt und durch eine visuelle Interpretation des Bildes "Spuck" von Paul Klee (1879-1940) verbunden, er bemalte unter anderen Flugzeuge und Flugfelder im Großen Krieg. Zur Warnung vor dem Krieg von Owen ist jedoch zu ergänzen, dass Dichter und Künstler mehr können als warnen, sie können auch die Teilnahme an Militärarbeit verweigern.