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Programm „neuebuehnevillach”

Viktor Ullmann - Zwei Opern (in der jeweiligen Originalversion), ein Liederabend, zwei Konzerte, eine Ausstellungen, vier Buchpräsentationen mit neuen Büchern über Viktor Ullmann.

Am 1.Jänner 2019 jährte sich der 101. Geburtstag des Komponisten, Dirigenten, Pianisten und Autoren Viktor Ullmann, und am 18. Oktober 2019 jährt sich der 75. Todestag eben von Viktor Ullmann, dem Tag seiner Ermordung durch Giftgas im Zweiten Weltkrieg. Im Ersten Weltkrieg wurde Viktor Ullmann Zeuge des Giftgasangriffs mit Grün- und Blaukreuz bei Bovec / Plezzo / Flitsch im Oberen Isonzotal am 24.Oktober 1917. Im Zweiten Weltkrieg, 37 Jahre später, wird Viktor Ullmann in Auschwitz Opfer von Giftgas, wird in der Gaskammer ermordet mit Zyklon B. Nach zwanzig Jahren Recherche und Forschung liegen nun die Ergebnisse in Form von Vorstellungen, Ausstellungen und Büchern vor. In diesem Spannungsfeld von 1914 bis 1944 wird nun die künstlerische Produktion und die damit verbundene Lebenserfahrung des Komponisten Viktor Ullmann verdichtet innerhalb einer Woche in Villach präsentiert, nämlich zwei Opernwerke, zwei Konzerte, einen Liederabend, eine Ausstellung und vier Bücher.

 

Montag 14. Jänner 2019 18.00 Uhr Einführung bei PIVA Villach in der Italienerstraße 17

Einführung zu Leben und Werk des Kompnisten Viktor Ullmann.

Mittwoch 16.Jänner 2019 um 19.00 Uhr 
"neuebuehnevillach"

Eröffnung der Ausstellung "Viktor Ullmann - Zeuge und Opfer der Apokalypse", die auf europäischer und internationaler für großes Aufsehen in Prora auf der Insel Rügen in Deutschland, im Clam-Gallas-Palais des Prager Stadtarchivs in der Tschechischen Republik, im Haus der Komponisten in St. Petersburg und im Russischen Museum in Kingisepp in Russland gesorgt hat. Aktuell läuft gerade die Ausstellung mit Vorstellungen, Konzerten und Symposien Goriški Muzej in Grad Kromberk in Nova Gorica in Slowenien. Im März 2019 wird beim Felicija Blumenthal Festival im Tel Aviv Museum of Art dann in Israel erstmals das Viktor Ullmann Projekt gezeigt werden.

Täglich vom Mittwoch, 16.Jänner 2019, bis Samstag, 19.Jänner 2019, gibt es jeweils eine Stunde vor Beginn der Vorstellungen Buchpräsentationen folgender neu erschienener Bände:

Mittwoch 16.Jänner 2019 um 19.00 Uhr, Präsentation der sechssprachigen Ausgabe "ВИКТОР УЛЬМАН СВИДЕТЕЛЬ И ЖЕРТВА АПОКАЛИПСИСА - Viktor Ullmann Zeuge und Opfer Apokalypse - Witness and Victim of the Apokalypse - Testimone e vittima dell´Apocalisse - Priča in žrtev apokalipse - Svědek a oběť apokalypsy" von Herbert Gantschacher;
Donnerstag 17.Jänner 2019 um 19.00 Uhr, „VERBORGENE GESCHICHTE HIDDEN HISTORY Скрытая история Taub - Blind - Taubblind - Kriegsinvalid 1914–1918" von Herbert Gantschacher darin drei Kapitel über Viktor Ullmann, Theresienstadt und seiner Anti-Kriegsoper „Der Kaiser von Atlantis oder die Todverweigerung";
Freitag 18.Jänner 2019 bereits um 18.00 Uhr, „Kriegsgefangen. Kriegsinvalid. - Prisoner of War. War-disabled. - военнопленные. инвалиды войны" von Herbert Gantschacher darin das Kapitel „Viktor Ullmann und ‚Die lebenden Toten'";
Samstag, 19.Jänner 2019 um 19.00 Uhr, Buchpräsentation der zweiten Auflage des Buches "Viktor Ullmann - Zeuge und Opfer der Apokalypse" von Herbert Gantschacher.

Mittwoch, 16.Jänner 2019 um 20.00 Uhr
„neuebuehnevillach”

Anti-Kriegsoper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung" mit Musik und Libretto von Viktor Ullmann in einer Neuinszenierung für Puppentheater mit Puppen und Kostümen von Burgis Paier, Dramaturgie von Dževad Karahasan, in einem Bühnenbild von Sanzaba Dimna mit Lichtgestaltung von Bidpai, choreographiert von Amal Zwaisdrai. Die Puppen werden bespielt von Rita Hatzmann und Markus Rupert, inszeniert und produziert von Herbert Gantschacher.

Donnerstag, 17.Jänner 2019 um 20.00 Uhr
„neuebuehnevillach”

Konzert "Lieder im Krieg" mit Liedkompositionen von Viktor Ullmann aus dem Ersten Weltkrieg und Liedern Ullmanns aus dem Zweiten Weltkrieg mit der Sopranistin Katrin Koch, dem Bassbariton 3 Rupert Bergmann und Andreas Fröschl am Klavier. Zu den drei erhaltenen Originalkompositionen Ullmanns aus dem Ersten Weltkrieg sind vom Komponisten Wolfgang Pillinger Ullmanns Vertonungen von "Aus jungen Tagen" von Karl Kraus, "Komm an mein Feuer mein Weib" von Richard Dehmel rekonstruiert worden, an der Rekonstruktion der drei Liedvertonungen von Gedichten Else Lasker-Schüler wird noch gearbeitet.

Freitag, 18.Jänner 2019 19.00 Uhr und 20.30 Uhr
„neuebuehnevillach”

"Das Frontkonzert" und um 20.30 Uhr "Das Kriegswaisenkonzert" mit der Geigerin Annelie Gahl und dem Pianisten Peter Wittenberg.

Samstag, 19.Jänner 2019 um 20.00 Uhr
„neuebuehnevillach”

Neuinszenierung Viktor Ullmanns Melodram "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" mit Puppen von Burgis Paier, Bühne von Sanzaba Dimna, Lichtgestaltung von Bidpai, choreographiert von Amal Zwaisdrai mit dem gehörlosen Schauspieler Werner Mössler, dem Sänger und Sprecher Rupert Bergmann mit Christoph Traxler am Klavier, inszeniert und produziert von Herbert Gantschacher.

Ullmann Tod

Rollenbuch von Karel Berman von Ullmanns Anti-Kriegsoper "Der Kaiser von Atlantis oder die Todt-Verweigerung" (Schreibung Bermans am Titelblatt).

Das Jahr 1914 steht für den Beginn des Großen Krieges, in dem Ullmann dann am Beginn der letzten Isonzoschlacht persönlich Zeuge des Einsatzes von Giftgas geworden ist. Die Schrecken des Krieges ließen Ullmann zum Kriegsgegner werden. Am Anfang standen seine eigenen Kriegserfahrungen und die künstlerische Arbeit als Musikoffizier im Rahmen der Freizeitgestaltung. Damit begann er eine 27 Jahre dauernde Arbeit an seinem heute bekanntesten Werk, nämlich an der Anti-Kriegsoper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung", denn die ersten gesicherten Spuren sind die Arbeit mit seiner Kapelle zur Freizeitgestaltung im Ersten Weltkrieg, das Kammerorchester seiner Anti-Kriegsoper wird die selbe Größe und die fast gleiche Instrumentalbesetzung haben (aus dem Akkordeon wird ein Harmonium, aus dem Horn eine Trompete), und die Vorbilder für die Personen dieser Anti-Kriegsoper sind allesamt dem Personal aus dem Ersten Weltkrieg entlehnt. Somit steht das Jahr 1944 für zwei Ereignisse, der Fertigstellung der Anti-Kriegsoper wiederum im Rahmen der Freizeitgestaltung dieses Mal allerdings unter den Bedingungen eines Konzentrationslagers, das Theresienstadt unter den Nationalsozialisten geworden ist. Und 1944 steht auch für die Ermordung von Viktor Ullmann mit Giftgas in Auschwitz.

Neueste Forschungen haben ergeben, dass Giftgase verwendet im Ersten Weltkrieg an der Front gegen die Schützengräben und Bunker der Kriegsgegner und verwendet im Zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. Die Nutzung von Zyklon B hat Dr. Gerhard Peters schon in seiner bemerkenswerten Schrift "Blausäure zur Schädlingsbekämpfung" im Jahr 1933 erschienen Buch im Kapitel "Die modernen Methoden der Cyanid-Produktion" dargelegt: "Die Giftwirkung der Blausäure bei Mensch und Tier und im gewissen Sinne auch bei den Pflanzen, beruht darauf, daß die 'Innere Atmung der Gewebe', d.h. die Sauerstoffversorgung der Zellen durch Spuren von Blausäure gehemmt oder ganz unterbunden wird". Und weiters schreibt Peters: "In diesem Zusammenhange sei kurz auf die schlagwortartige Unterscheidung der verschiedenen Körpergifte in Phosgen-Typus und Blausäure-Typus hingewiesen; in die erste Gruppe gehören alle Gifte mit kumulativer Wirkung, in die zweite die Gifte mit 'reversibler' bzw. resorptiver Wirkung". Peters verweist auch auf die Produktion dieser Giftgase mittels Bottich- und Zyklonverfahren und widmet dem Giftgas "Zyklon B" ein eigenes Kapitel. Das im Ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern verwendete Giftgas Blaukreuz ist ein dem Zyklon B verwandtes Giftgas, das im Zweiten Weltkrieg in den Konzentrationslagern und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten verwendet worden ist. Hergestellt wurden die Giftgase sowohl im Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich der Dynastie der Hohenzollern als auch Zweiten Weltkrieg im Deutschen Reich der Nationalsozialisten von den denselben produzierenden Firmen, die sich ab 1925 unter dem Firmendach der I.G. Farben-Industrie AG zusammengeschlossen hatten. 

Sowohl im Jahr 1914, also im Ersten Weltkrieg, als auch im Jahr 1944, also im Zweiten Weltkrieg werden die Große und Kleine Festung von Theresienstadt in unterschiedlichen Funktionen gewichtige Rollen zugeordnet. 1914 werden in der Kleinen Festung, einem der militärischen Hochsicherheitsgefängnisse der Habsburgermonarchie, Gavrilo Princip, der Doppelmörder von Sarajevo, und zwei seiner Mitangeklagten Nedeljko Čabrinović und Trifun Grabež. Alle sind den Haftbedingungen geschuldet in Theresienstadt verstorben. Auch in der Kleinen Festung inhaftiert werden die Empörer von Rumburk und Kriegsdienstverweigerer. Die Große Festung von Theresienstadt ist im Ersten Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager und ein Lazarett für kriegsgefangene Kriegsinvalide. 

Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch die Nationalsozialisten und die Annexion von Böhmen und Mähren an das Deutsche Reich hat Theresienstadt neue Mehrfachfunktionen bekommen. Beide Festungen werden zu Haftstätten. Das militärische Hochsicherheitsgefängnis wird von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) übernommen. Funktional wie es eben schon zur Zeit der Habsburgermonarchie gewesen ist, braucht die Gestapo nicht viel ändern, es ist dann lediglich ein Hof mit einer Hinrichtungsstätte dazu gebaut worden, ansonsten die Kleine Festung so belassen werden. Die Große Festung wird von einer Sonderheit der SS verwaltet. Um die wahre Funktion als Konzentrationslager zu verschleiern, wird aus der Großen Festung Theresienstadts eine Art Camouflage als jüdisches Siedlungsgebiet geführt, auch als Alterssitz für alte Jüdinnen und Juden, als Ghetto, sogar als Bad Theresienstadt wird die Große Festung propagandistisch verwertet. Innerhalb der jüdischen Selbstverwaltung werden verschiedene Abteilungen eingerichtet, darunter wird auch die Anfangs illegale Freizeitgestaltung legalisiert. Unter dem Titel „Theresienstadt – ein Film aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ wird ein Propagandafilm gedreht, einer Abordnung des Internationalen Roten Kreuzes wird während des Besuchs ebenso die Wirklichkeit vorenthalten, nämlich die eines Konzentrationslagers mit eigener Gaskammer (die dann später im Konzentrationslager Mauthausen Verwendung finden wird). Rein organisatorisch ist die Große Festung Theresienstadt aus Gründen der Täuschung nicht der Konzentrationslagerverwaltung der SS unterstellt worden, ist jedoch von einer SS-Einheit mit jüdischer Selbstverwaltung geführt worden. Für jene Häftlinge, die Theresienstadt und andere Konzentrationslager überlebt haben – dazu zählen auch meine Freunde und Bekannten Herbert Thomas Mandl (1926-2007), Karel Berman (1919-1995), Willi Groag (1914-2001) Eva Hermannová (1929-2017) – ist die Struktur der Organisationsformen nicht maßgeblich für deren Einschätzung, dass sowohl sie die Große als auch Kleine Festung in Theresienstadt als Konzentrationslager erlebt haben. Manche Autoren, Historiker und Besserwisser sprechen überlebenden Häftlingen das Recht ab, von Theresienstadt als einem Konzentrationslager zu sprechen. Dieser Personenkreis - unter ihnen auch der emeritierte Historiker der Technischen Universität Berlin, Wolfgang Benz - betreibt damit jedoch nicht mehr und nicht weniger als die Verharmlosung der Verbrechen der Nationalsozialisten. Denn in den Akten und Dokumenten des Internationalen Militärgerichtshofs von Nürnberg (14. November 1945 – 1.Oktober 1946) wird Theresienstadt als Konzentrationslager geführt. Die so genannte Siedlung in Theresienstadt mit jüdischer Selbstverwaltung dient der Täuschung der Öffentlichkeit über diese Vernichtungsaktion, also auch der Täuschung der SS-Mitglieder. 1942 ist zu diesem Zweck ein eigenes Gesetz beschlossen worden. Vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg wird diese Sachlage auch im Dokument SS-95 festgehalten. Das Dokument SS-95 wird auch in der Sitzung des Internationalen Militärgerichtshof am Nachmittag des 20.August 1945 als Beweisstück verwendet. Und laut dem Bundesgesetzblatt I der Bunderepublik Deutschland von 1967, 234 - 254 in der Anlage zu § 1 Verzeichnis der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos gemäß § 42 Abs. 2 BEG, ist Theresienstadt ein Konzentrationslager mit Außenlagern. 

Und sowohl in der Freizeitgestaltung an der Front des Ersten Weltkrieges als auch in der Freizeitgestaltung im Konzentrationslagers Theresienstadt wird der Komponist Viktor Ullmann zweimal wichtige Funktionen innehaben und bedeutende musikalische Werke schaffen. Während der Freizeitgestaltung im Militärdienst und an der Front im Ersten Weltkrieg arbeitet Viktor Ullmann an 47 musikalischen Werken in zwei Jahren, von denen sich zumindestens drei Werke erhalten haben. Und während der Freizeitgestaltung im Zweiten Weltkrieg als Häftling im Konzentrationslager Theresienstadt wird Viktor Ullmann an 22 musikalischen Werken ebenfalls in zwei Jahren arbeiten. 

Und es gibt einige Werke Viktor Ullmanns, in die die persönlichen Kriegserfahrungen in den Text und die Komposition eingeflossen sind, die dann im Konzentrationslager Theresienstadt im Rahmen der Freizeitgestaltung fertig komponiert werden wie die schon erwähnte Anti-Kriegsoper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung" nach 27 Jahren am Stoff oder auch das Melodram nach dem Gedicht in Prosa "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" von Rainer Maria Rilke, das Gedicht liest Ullmann im Jänner 1918 während seines Beobachtungsdienstes auf Kote 89 in der Nähe von Schloss Duino. 

Das Viktor Ullmann an der "neuebuehnevillach" bringt alle jene Werke auf die Bühne, die auf Ullmanns persönlicher Kriegserfahrung fußen und sich erhalten haben, nämlich sein heute bekanntestes Werk, die Anti-Kriegsoper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung", das Melodram "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke", "Lieder im Krieg", das "Frontkonzert" und das "Kriegswaisenkonzert". 

ORIGINALRECHERCHE, FORSCHUNG UND TEXTE VON HERBERT GANTSCHACHER 

PRESSEINFORMATION: Karl-Heinz Jäger, Chefdramaturg